Praktikumsstellen:
Jetzt bewerben!

praktikum

Gerechtigkeit:

gerechtigkeit



carpedeum

logocarpe

Verboten und beschenkt: Jesuiten in Bern

von Franz-Xaver Hiestand

Kaum in Paris nach mystischen Erfahrungen entstanden, wurde der Jesuitenorden im 16. Jahrhundert ein Sammelbecken von initiativen jungen Feuerköpfen, die nichts anderes wollten als gemeinsam dem armen Jesus nachfolgen. War es, weil sich die Jesuiten durch ein besonderes Gelübde an den Papst banden; war es, weil sie die Welt nie in Ruhe lassen konnten? ­ Jedenfalls weckten sie in der Folge immer wieder wildeste Emotionen. Zuweilen wurden sie mit der Kirche als ganzer, und zwar nicht nur mit der Katholischen Kirche allein!, gleichgesetzt. (Am Berner Münster leuchtete zwischen 1990 und 2000 das Graffiti "Teuflische Scheis-Jesuiten" ...) Oft wurden sie inbrünstig verehrt, oft dämonisiert und oft auch überschätzt; im Guten wie im Schlechten.
Ohne überheblich zu werden, kann gesagt werden, dass die Art, wie die Jesuiten in einer Gesellschaft behandelt werden, ein aufschlussreiches Indiz für das religiöse Klima der jeweiligen Gesellschaft ist. Aus diesem Grunde spiegelt sich in den folgenden Details ders jüngeren Jesuiten-Geschichte nicht nur das Selbstbewusstsein vieler Berner Katholiken, sondern auch der Weg der Berner Katholiken aus ihrem halb selbstgewählten, halb aufgezwungenen Réduit in die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz: Nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes plante die evangelisch-theologische Fakultät 1956 eine ökumenische Feier zur Erinnerung an die Opfer dieses Aufstandes. Schliesslich mussten Katholiken und Protestanten diese Feier jedoch getrennt abhalten, weil sich der damalige evangelische Theologie-Professor Kurt Guggisberg weigerte, gemeinsam mit dem katholischen Studentenseelsorger Pater Emil Meier aufzutreten. Er wolle nicht mit einem Jesuiten reden, wird Guggisberg in den Akten zitiert. Und noch 1973 stimmten die Berner mehrheitlich für die Beibehaltung des Jesuitenverbotes. Doch 1998, fast genau auf den Tag 25 Jahre später, werden in der Bundeshauptstadt erstmals zwei Jesuiten zu Priestern geweiht. Und einige Monate zuvor fand im Berner Münster der gemeinsame Eröffnungsgottesdienst der evangelisch-theologischen Fakultät mit der evangelischen und der katholischen Universitätsgemeinde statt. Der Jesuit Christian M. Rutishauser durfte ihn mitgestalten.

Paul de Chastonay, der erste Jesuit in Bern, kümmerte sich seit 1927 um die Studenten und Akademiker. Und Studentenseelsorger waren auch die meisten Jesuiten, die ihm folgten. Einige von ihnen waren zudem Bibel- oder Naturwissenschaftler, Eheseelsorger, Psychologen oder Islamspezialisten. Und viele von ihnen gaben Exerzitien. Manche galten als eher distanziert, manche als sehr leutselig. Legendär waren die 11-Uhr-Predigten des einen, im ganzen Quartier bekannt die Spleens des andern. Seit 1947 wohnen sie an der Alpeneggstrasse im "aki" (was nichts anderes ist als ein Kosename für "Akademikerhaus"). Von diesem Haus gingen in der Zeit von Julian Truffer entscheidende Impulse für die "progressio 71", die Schaffung der JUSESO und der "Kirche im Dialog" aus. Und selbst die Pioniere der evangelischen Universitätsgemeinde liessen sich von Pater Truffer beraten, als sie ihre Gemeinde gründeten.

Eine Zeit lang galt das "aki" indes auch als "maison scandaleuse". Die Verfehlungen einzelner Jesuiten säten Misstrauen. Dass das Haus heute wieder ein spirituelles Profil besitzt; dass es attraktiv geworden ist für viele Protestantinnen und Katholiken, welche ernsthaft nach Gott suchen; und dass zahlreiche Studentinnen und Studenten seine Angebote nützen: das alles ist nicht selbstverständlich. In erster Linie ist es ein Geschenk - und in zweiter Linie das Verdienst von Patres wie Richard Brüchsel, Hubert Holzer, Bruno Lautenschlager, Christian M. Rutishauser und Franz-Xaver Hiestand, welche seit Mitte der achtziger Jahre zur Berner Jesuitengemeinschaft gestossen sind und seither das Haus mit Leidenschaft und Aufmerksamkeit prägten und prägen.

Vergleiche: Hanke Knaus Gabriella/Kuhn Franz u.a. (Hrsg.): Katholisch Bern von 1799 bis 1999. Ein Zwischenhalt. Bargezzi AG. Bern 1999, S. 65.