Ruth C. Cohn
Geboren am 27. August 1912 in Berlin, als Tochter eines Bankiers und einer Pianistin. Aufgewachsen in einer assimilierten jüdischen Familie, wie es deren viele in Deutschland gab. Gute und interessierte Schülerin. Ins Erwachsenenleben gestossen wird die 17jährige nach dem frühen Tod des Vaters. In dieser Zeit formt sich ebenfalls der Wunsch, Psychoanalytikerin zu werden. Andere Menschen will sie besser verstehen, wie auch sich selber. Als Volontärin leistet sie, die sich an der sozialen Ungerechtigkeit stösst, Arbeit in einem Armenviertel in Berlin. Anfangs der dreissiger Jahre erlebt sie die beginnende antisemitische Gewalt an der Universität. Sie entschliesst sich 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, die deutsche Hauptstadt zu verlassen, obwohl weder ihre Mutter noch ihr Bruder auswandern wollen. Allein kommt sie nach Zürich, um ihr Psychologiestudium fortzusetzen. Ihr Interesse am Geheimnis der Seele steht im Mittelpunkt. Doch ihr Studium ist breiter angelegt und umfasst auch Philosophie, Literatur, Theologie und vorklinische Medizin. Zentral für sie ist jedoch ihre Ausbildung in der Internationalen Gesellschaft für Psychoanalyse. 1940 wird die Falschmeldung, die deutschen Truppen hätten die Grenze zur Schweiz überschritten, zum Anlass, zusammen mit ihrem Mann und der gerade geborenen Tochter Heidi in die Vereinigten Staaten zu fliehen.
Ruth C. Cohn schliesst sich in New York der "National Association for Psychoanalysis" an und beginnt in den fünfziger Jahren den bis anhin in seiner Rolle unangetasteten Analytiker zu thematisieren, vor allem seine Gegenübertragungen. Daraus erarbeitet sie in vielen Experimenten die pädagogische Methode der TZI. 1966 gründet sie in New York das "Werkstatt-Institut für Lebendiges Lernen" (WILL). In den folgenden Jahren lehrt sie TZI auf verschiedenen Kongressen auch in Europa und kehrt 1974 auch wieder in die alte Welt zurück. Es bot ihr die "Ecole de l'Humanité" auf dem Hasliberg im Berner Oberland die Gelegenheit, TZI auf einer institutionellen Ebene einzuführen und anzuwenden. Zugleich arbeitet sie vor allem im Deutschland an der Verbreitung und Weiterentwicklung ihrer Pädagogik. 1987 wird WILL-International gegründet. Ein Ableger der WILL-Schule in Basel hat in der Schweiz schon rund 200 Personen ausgebildet.
Die Universität Bern verleiht Ruth C. Cohn für ihre Verdienste 1994 die Ehrendoktorwürde. Frau Cohn lebt heute auf dem Hasliberg.
Als Psychoanalytikerin empfand Ruth C. Cohn immer mehr die Defizite einer Theorie, die sich darauf beschränkte, Leute auf die Couch zu bitten, um sie und ihre Lebensgeschichte wie "Objekte" zu analysieren. Deshalb begann sie trotz Widerstand eine Fortbildung für Psychologen anzubieten, die sich mit den Gefühlen und Vorstellungen, den übertragungen der Psychoanalytiker gegenüber ihren Patientinnen und Patienten befassten. In wöchentlichen Sitzungen trug je ein Gruppenmitglied ein Problem aus seiner Praxis vor. Die Leiterin und die restlichen Gruppenmitglieder steuerten ihre Bemerkungen und Interpretationen bei. Das Ernstnehmen der Patienten und Patientinnen, der Austausch in der Gruppe, das existentielle Einbinden des Analytikers und Neudefinieren seiner Kompetenz führte zur überzeugung, dass die Anteilnahme am Leben des Anderen einer der zentralen Aspekte der Therapie seien.
Ruth C. Cohn modifizierte und entwickelte diese neuen Erkenntnisse für den pädagogisch-politischen Bereich, indem sie Supervisionen von Leitungsteams anbot. Der Name der neuen Methode war "Themenzentrierte Interaktion" (TZI). Ihre Besonderheit besteht darin, dass dem Einzelnen (Ich) gleich viel Gewicht wie der Gruppe (Wir) und der zu bearbeitenden Aufgabe (Es) zugemessen wird. Auch das die Gruppe umgebende Umfeld (Globe) muss einbezogen werden. Damit unterscheidet sie sich einerseits vom traditionellen Unterricht, der ganz auf das "Es", das Sachthema, konzentriert ist und fast ausschliesslich vom Dozenten bestimmt wird. Die Wir-Perspektive bleibt verborgen und die Interaktion zwischen Lernenden und Lehrenden findet kaum statt. Andererseits ist das Unterstreichen des "Es" und des "Globe" eine Neuheit gegenüber den herkömmlichen Therapiegruppen. Die beiden Postulate, dass jeder und jede für das eigene Verhalten letztlich selbst Verantwortung trägt und dass Störungen Vorrang haben, gehören weiter zur TZI-Methode. Dazu kommen die Interaktionsmethoden des partizipativen Leitungsstils und des vertrauensvollen Umgangs im Spannungsfeld von bleibender Struktur und Wandlung im Prozess. Auch konkrete Interventionsregeln hatte sie aufgestellt. Arbeit in kleinen Gruppen, Rollenspiele, Collagen, Befindlichkeitsrunden oder Meditationsübungen sind Beispiele des Cohnschen Unterrichtsansatzes.
Frau Cohn hat zudem die Voraussetzungen und Grundlagen dieser humanistischen Pädagogik reflektiert: Sie vertreten eine Sicht des Menschen als "psycho-biologisches" Wesen, das von der Strukturgesetzlichkeit von Autonomie und Interdependenz geprägt ist. Als zusätzliche Axiome ihrer Anthropologie formuliert sie die Wert- und Sinnhaftigkeit alles Lebendigen, das es in Ehrfurcht in seinem Wachstum zu fördern gilt. Und schliesslich die bedingte Freiheit des Menschen, dessen äussere und innere Grenzen veränderbar sind. Als ein Geschöpf voller Gefühle und überzeugungen, mit dem Erfahrungsschatz aus der Vergangenheit und Vorstellungen über die Zukunft müssen bei der Gestaltung der Zukunft die verschiedensten Aspekte mitberücksichtigt werden.


